Diktatur der Arbeit - Stable Diffusion

Die Diktatur der Arbeit

Stell dir vor, die Arbeit ist abgeschafft. Also, natürlich ist der Mensch nach wie vor tätig. Aber Lohnarbeit kennt er nicht mehr. Gearbeitet wird nur noch dann, wenn auch tatsächlich gesellschaftliche Bedürfnisse dahinter stehen und nicht damit das Konsumkarussell weiterdreht und Vollbeschäftigung herrscht. Eine Träumerei? Ja, vielleicht. Aber ganz bestimmt eine schönere als der heutige Arbeitsalbtraum von Tausenden von Menschen. Ein fiktives Gespräch irgendwo in der Zukunft zwischen Jung und Alt über „die Diktatur der Arbeit“.

Jung: Du?

Alt: Ja?

J: Wir sind heute bei der gemeinsamen Gemüseernte auf die sogenannte „Arbeit“ zu sprechen gekommen.

A: Und?

J: Keiner konnte sich so richtig vorstellen, wie das damals war!

A: Ja, heute kann sich kaum jemand mehr einen Reim daraus machen, wie und warum wir überhaupt so lange so leben konnten.

J: Eben. Du hast diese Zeit ja auch mal die „Diktatur der Arbeit“ genannt. Was meinst Du eigentlich damit?

A: Na, es war halt einfach normal!

J: Was war denn normal?

A: Na, die Lohnarbeit und alles was damit zusammenhing.

J: Und was war das?

A: Halt, dass alles der Arbeit untergeordnet wurde. Alles musste um sie herum organisiert werden: Die Kinder, die Familie, die Freund:innen. Da war auch ein ständiger Leistungsdruck. Und je nach Wirtschaftslage auch die Angst, den Job zu verlieren.

J: Was heisst das?

A: Der Job war die Grundlage des Lebens. Ob Du in die Ferien, Dir ein Auto, Haus oder Bio-Gemüse leisten kannst, bestimmte Dein Job, beziehungsweise der Lohn, den Du für Deine Arbeit erhieltst. Kein Job, keine Träume. Und im Extremfall, keine Wohnung und nichts auf dem Teller.

J: War das nicht auch die Zeit der vielen Hungernden in der Welt und der extrem Reichen, die in einem enormen Überfluss lebten?

A: Ja.

J: Warum haben denn das alle so mitgemacht?

A: Das war nicht anders möglich!

J: Wieso?

A: Weil jeder seinen Platz in der Gesellschaft finden musste und dieser Platz war eben ein Arbeitsplatz! Ein Arbeitsplatz bedeutete Sicherheit, ohne Arbeit lebte der Mensch am Rand der Gesellschaft und war auf finanzielle Hilfe des Staates oder von privaten Organisation angewiesen. Gerade die Leute in den armen Ländern hatten vielfach keine funktionierende Wirtschaft und es gab kaum Arbeit oder Verdienstmöglichkeiten und damit für viele kein Einkommen. Das hiess, dass ein grosser Teil der Menschen leider dann auch zuwenig oder kein tägliches Essen hatte.

Es geht um Geld

J: Warum wurde denn diesen Menschen nicht geholfen?

A: Es gab schon Hilfe, aber diese Hilfe war auf Gelder angewiesen, welche die einzelnen Staaten jeweils versprachen zu geben. Nicht immer war dies genug, oder wurden die Versprechen auch eingehalten. Auch verschwand ein Teil des vergebenen Geldes in den Taschen von korrupten Beamt:innen. Oder die Preise stiegen, weil die Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt gehandelt wurden, und so bekamen die Organisationen weniger Essen für ihr Geld. All dies führte dazu, dass ein grosser Teil der Menschen nicht erreicht und versorgt werden konnte.

J: Stimmt, das war ja die Krux mit dem damaligen System, da gab es ja nix einfach nur so!

A: Genau. Zuerst musste immer Geld beschafft oder gesprochen oder aus dem Nichts (als Kredite durch die Banken) geschaffen werden, damit Du an irgendetwas gelangtest, sei es auch nur an die grundlegendsten Nahrungsmittel, die ja jeder brauchte.

J: Kaum zu glauben. Das Recht auf Nahrung war doch auch damals schon ein Menschenrecht, oder?

A: Klar. Aber Hunger war ja – abgesehen von jenem, welcher durch Naturkatastrophen ausgelöst wurde – ein Einkommens- und damit auch ein „Arbeits“-Problem. Wer nicht Zugang zu Einkommen hatte, fiel aus der Gesellschaft und der Teller blieb leer.

J: Schrecklich…

Selbstverwirklichung, Anerkennung und Status

J: Warum ging eigentlich Mama damals arbeiten, als wir klein waren?

A: Wir wollten etwas Wohlstand. Halt unsere Träume verwirklichen – also zumindest das, was wir damals darunter verstanden, wie Auto, Ferien und ein eigenes Haus. Das hätten wir uns sonst nicht leisten können, mit nur einem Einkommen.

J: Aber Mama hat doch immer von ihrem Job geschwärmt!

A: Gut, ja, das stimmt. Da spielt halt auch mit, dass in jener Zeit Frauen den Männern nicht wirklich gleichgestellt waren und es schien, dass nur die Männer sich „verwirklichen“ konnten. Und damit war auch die Arbeitswelt gemeint. Denn in der Arbeitswelt blieb den Frauen damals vieles vorenthalten. Die Rollenverteilung war auch lange und vor allem in den männlichen Köpfen klar festgelegt: die Frau blieb zu Hause (bei den Kindern), der Mann ging arbeiten. Die Frauen mussten sich über Jahrzehnte die gleichen Rechte erkämpfen. Und das war eben auch ein Kampf für den Zugang zur Arbeitswelt. Und damit tappten halt auch die Frauen in die Arbeitsfalle.

J: Wie meinst Du das?

A: Selbstverwirklichung, gesellschaftliche Anerkennung und auch ein gewisser Status wurde damals hauptsächlich über die Arbeit und das dabei erzielte Einkommen erreicht. Das kann wie ein Sog wirken, in welchen Du hineingezogen wirst und welchem Du alles andere unterordnest: Kinder, Partner:in, Freizeit. Arbeit wird dann zu einer Droge, und der Entzug davon kann schmerzhaft sein. Burnouts und Depressionen waren damals genauso normal, wie Manager:innen, die praktisch tagein, tagaus nur noch arbeiteten.

J: Wozu haben denn all diese Menschen so viel gearbeitet?

A: Für den Erfolg ihrer Firma, ihres Unternehmens.

Die Angst vor dem Verlust

J: Und was war denn dieser Erfolg?

A: Dass ihre Produkte und ihre Dienstleistungen gekauft wurden und sie so mehr Geld verdienen, wachsen und noch mehr Produkte und Dienstleistungen verkaufen konnten.

J: Das tönt aber nicht so sinnvoll.

A: Wohl wahr! Aber damals musste das halt so sein. Denn wenn sie nicht auf diese Weise erfolgreich waren, dann wurden sie früher oder später von einem Konkurrenten ausgebootet. Und das hiess dann: Das Unternehmen musste den Gürtel enger schnallen. Der 13. Monatslohn und Zusatzleistungen fielen aus. Und wenn das immer noch nicht reichte, mussten Stellen gestrichen werden. Im schlimmsten Fall ging das Unternehmen konkurs. Die Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

J: Huch, das tönt anstrengend aber auch irgendwie tragisch.

A: Das war es auch. Weil der Arbeitsplatz einen so riesigen Stellenwert hatte, wurde in der Politik auch viel mit der Angst um diesen gespielt.

J: Wie das?

A: Da wurden viele eigentlich gute Vorstösse, Initiativen oder Gesetzesänderungen von entsprechenden Interessengruppen mit dem Argument der Gefährdung oder dem Verlust von Arbeitsplätzen bekämpft. Ein schlagendes Argument, welches allen einleuchtete und deshalb Sorgen bereitete. So wurden viele Dinge verunmöglichst und schlechtgeredet. Arbeitsplätze verschwanden aber immer und es gab auch immer wieder neue. Das war eine Folge des konkurrenzbasierten Marktes und für die damalige Zeit etwas völlig normales. Das musste ja sogar so sein!

Die Suche nach dem Platz in der Gesellschaft

J: Du hast gesagt, dass jeder seinen Platz, also seinen Arbeitsplatz, in der Gesellschaft finden musste. Wie ging das?

A: Na ja, das war oft ein schwieriges Unterfangen. Mit dem Ende der Schulzeit oder Hochschule sollte ja theoretisch jeder junge Mensch Aussicht auf eine Stelle haben, wo er dann genau das tun konnte, was er auch mochte. Dies ging aber vielfach nicht auf: Sei es, weil es (wegen der allgemeinen Wirtschaftslage) zu wenig Arbeitsplätze oder Lehrstellen gab und dadurch zu viele Leute den gleichen Job wollten. Aber auch das Umgekehrte konnte passieren, also, dass die Unternehmen ihre Arbeitstellen nicht besetzen konnten, weil zu wenig Stellensuchende auf dem Arbeitsmarkt vorhanden waren oder sich zu wenige für diesen Berufszweig interessierten.

J: Wie wussten denn die jungen Menschen, wo sie später tätig sein wollten? Ich hätte da so meine Probleme, wenn ich mir vorstelle, dass ich mich jetzt schon für das festlegen müsste, was ich in meinem restlichen Leben tun will.

A: Das war auch ein Riesenproblem. Ein Grossteil konnte deshalb auch nicht das machen, was er oder sie sich vorgestellt hatte. So waren viele in einem sogenannten „Brotjob“ tätig, um ihre Lebenskosten zu decken. Das wichtigste war eh, dass jeder überhaupt einen Job hatte! „Vollbeschäftigung“ war das dann! Das Grösste, was eine Wirtschaft erreichen kann!

J: Verstehe. Aber das wirkt doch irgendwie extrem konstruiert und seelenlos.

A: Wie meinst Du das?

J: Na ja, da war ja gar nie die Rede davon, was für die Gesellschaft wichtig ist und damit prioritär getan werden müsste. Oder was ich als Person beitragen kann, damit das, was uns wichtig ist, auch erreicht und allen damit geholfen wird?

In der Matrix gefangen

A: Du kannst dies nicht mit unserer Zeit vergleichen.

J: Wieso denn nicht?

A: Wir lebten damals in einer kollektiven Parallelwelt. Wir waren selber nicht mehr die Akteure unseres Lebens, sondern nur noch Spielsteine eines allmächtigen Wirtschaftssystems. Meist sprachen die Expert:innen von irgendwelchen Märkten und ihren Bedürfnissen. Mal brauchte der Geldmarkt eine Intervention der Nationalbank, der Gütermarkt mehr Konsum oder der Arbeitsmarkt mehr Software-Entwickler:innen. Und dies alles, damit wir nicht in eine Krise gerieten, welche nur selten auf realen Problemen basierte, sondern meist auf Börsenabstürzen, Immobilienblasen, Währungsschwankungen oder einfach dem fehlenden Wirtschaftswachstum.

J: Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Warum wurde denn so ein Blödsinn nicht durchschaut und geändert?

A: Die meisten Menschen hatten ja gar keine Zeit, um sich die grossen Fragen zu stellen. Die eigene Arbeit zog die meisten Energien im Konkurrenzkampf um Erfolg und Marktanteile oder um genügend Lohn für den Lebensunterhalt ab. Die übrige Zeit diente der verdienten Zerstreuung und Erholung vom täglichen Kampf. Und die Politiker:innen und Wirtschaftsexpert:innen waren vollauf damit beschäftigt, das kaum steuerbare Ungetüm von Wirtschaft irgendwie auf Kurs zu halten und die beim Schlingern des Dampfers verursachten Kollateralschäden zu minimieren.

J: Eigenartig…

A: Schon. Aus heutiger Sicht wirkt es völlig surreal, wie die Menschheit damals agierte und sich mit enormen Aufwänden und Anstrengungen von Krise zu Krise hangelte und dabei eine breite Spur der Verwüstung über die Erde zog.

J: Scheussliches Bild. Aber ja, wir sind ja noch heute daran, diese Wunden zu heilen. Ok, langsam verstehe ich, was Du mit der „Diktatur der Arbeit“ meinst. Aber warum dauerte es so lange, bis die Menschheit diesen Kahn stoppte, um beim Bild zu bleiben?

Die Sucht nach Arbeit

A: Weil niemand wusste, wie ein Entzug von der Droge Arbeit aussehen könnte. Abgesehen von raren Ferien, Wochenenden und seltenen Feiertagen war jeder Tag ein Arbeitstag. Jeder Monat brachte einen Lohn ein. Mit diesem mussten dann die Lebenskosten bezahlt werden, die wieder jeden Tag neu entstanden. Wozu wieder gearbeitet werden musste. Ein endloses System von Abhängigkeiten, wo alle mit allen, aber anonym, verbunden waren. Davon merkten wir aber jeweils erst dann etwas, wenn es zu einem Unterbruch, zu einer Krise, kam und ein „Vorfall“ wie beispielsweise ein Börsencrash die Wirtschaft zum Schwanken brachte.

In so einem System kann jeder Kurswechsel zum Debakel führen. Es war damals einfach kaum denkbar, da noch auszusteigen. Die Expert:innen beschränkten sich darauf, die Krisenanfälligkeit zu berechnen und Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung zu erstellen. Wirklich in Frage gestellt wurde es durch die sogenannten Eliten nie. Natürlich auch aus eigenem Interesse, weil ihre Macht und ihr Einfluss und ihre Pfründe ja auf diesem System beruhten.

J: Aber irgendwie hat’s ja dann doch geklappt! Wir haben gelernt, dass ein allgemeines Umdenken erst dann einsetzte, als die Krisen zu häufig, heftig, die Probleme zu gigantisch und die finanziellen Mittel nicht mehr in geforderten Mass verfügbar gemacht werden konnten, ohne dass dadurch wieder neue Krisen entstanden wären.

A: Na ja, das ist ein Teil der Wahrheit. Es war auch der Druck von der Strasse, von den Arbeitenden, welcher zum Wechsel führten. Viele Leute waren es leid, dass alle wichtigen Initiativen, welche echte Verbesserungen gebracht hätten, immer wieder im Parlament oder an der Urne mit der geschürten Angst des Arbeitsplatz- oder dem Gespenst des Wohlstandverlustes von den Politiker:innen gebodigt wurden. Die „Bewirtschaftung“ arbeitsbezogener Ängste war gang und gäbe, um das Weiter-wie-bisher und das Festhalten am Gewohnten und Etablierten zu ermöglichen. Erst der Erfolg der „Aufklärungsinitiative“ (auch „Rettungsring-Initiative“ genannt) welche eine grundlegende Neuausrichtung von Arbeit und Wirtschaft ganz auf die Bedürfnisse der Menschen forderte, brachte erste Risse in das bestehende Gefüge.

Mit dem Erfolg an der Urne wurde dann Bundesrat und Parlament der Auftrag erteilt, im Dialog mit der Bevölkerung Wege und Lösungen auszuarbeiten, wie die Bedürfnisse aller befriedigt werden können. Vor allem die Zusatzklauseln waren dabei entscheidend: Für die Erreichung durfte 1. kein System verwendet werden, welches die gewünschten Ziele, wie Sicherheit, Zufriedenheit, Wohlstand und eine intakte Mitwelt durch falsche Anreize in irgendeiner Weise sabotierte. Und 2. musste das System die positiven menschlichen Veranlagungen unterstützten, indem es Kooperation und gegenseitige Hilfe förderte. Die weltweiten Probleme waren damals ja dadurch ausgelöst, dass sich zwangsläufig eine schädliche Eigendynamik, oder besser “Ego-Dynamik”, in der Wirtschaft und damit auch in der Gesellschaft entwickelte. Auch wurde die offensichtliche Endlichkeit unseres Planeten zu einem ernsten Problem: Die zu endlosem Wachstum verdammte Wirtschaft verbrauchte mittlerweile mehr Ressourcen, als die Erde jährlich noch zur Verfügung stellen konnte.

Die gleichen Fehler durften deshalb auf keinen Fall noch einmal gemacht werden. Im Anschluss an die gewonnene Abstimmung, entstanden im grossen Stil vielen Bürger:innenforen und Gemeinschaftsbetriebe (sogenannte Commons), welche zu dem selbstorganisierten Gefüge zusammengebunden wurden, wie wir das heute haben.

Nie endende Arbeit

J: Ok. Ich weiss ja nicht, wie es sich damals so anfühlte, arbeiten zu gehen. Aber heute leisten ja auch alle ihren Beitrag. Aber wenn ich so höre, wie du die damalige Zeit beschreibst, dann ist es doch heute etwas völlig anderes. Wir haben ja zum Teil ganz verschiedene Tätigkeiten und dies auch von Tag zu Tag. Der grosse Unterschied besteht aber wohl vor allem darin, dass wir uns in erster Linie dort engagieren, wo wir wohnen. Das Ziel ist ja, einen sichtbaren, sinnvollen Beitrag für die lokale Gemeinschaft zu leisten. Sodass wir eine gewisse Unabhängigkeit und Resilienz erreichen und andererseits dabei auch eine bessere Zusammengehörigkeit entwickeln, welche Vertrauen und Sicherheit schafft.

A: Genau! Die damalige sogenannte „Arbeitswelt“ war im Gegensatz dazu ziemlich hektisch, nervenaufreibend, zwanghaft und erbarmungslos, aber auch „gesucht“. Gesucht in dem Sinn, dass sich jeder für seinen Lebensunterhalt irgendeinen Job suchen oder als selbstständig erwerbende Person irgendetwas herstellen oder anbieten musste, was möglichst bisher noch keiner tat. Sie war deshalb nicht wirklich bedürfnisorientiert. In vielen Fällen wurde ein Produkt erst durch eine ausgeklügelte Werbung zu einem breiten Bedürfnis heraufstilisiert! Nicht „umsonst“ war in jener Zeit die Werbung omnipräsent und ungemein mächtig, auch wenn das niemand wahrhaben wollte!

J: Ich kann mich täuschen, aber war es wirklich so, dass diese Arbeit eigentlich nie aufhören durfte, auch nicht wenn ein Bedürfnis befriedigt war, also alle, die das wollten, beispielsweise einen Fernseher besassen?

A: Jawohl! Das Schlimmste an der Diktatur der Arbeit war: Sie durfte niemals enden! Das Ende der Arbeit war das Ende der Beschäftigung, das Ende des Einkommens und für ein Unternehmen das Ende seiner Existenz.

Nie endender Konsumzwang

A: Der „SuperGAU“ für eine Firma war, wenn es für seine Produkte eine Sättigung gab, also bereits alle ein solches Produkt besassen. Dies führte zu grosser Hektik: Mehr Werbung wurde geschaltet, um neue Käufer:innengruppen zu gewinnen. Neue „Märkte“ wurden erschlossen, durch den Export der Produkte oder durch die Gründung von Niederlassungen im Ausland. Oder die Unternehmen bedienten sich einem einfachen „Trick“: Das Produkt wurde „weiterentwickelt“ und mit zusätzlichen Funktionen versehen. Werbung sei Dank weckten diese Erweiterungen so ein neues Bedürfnis und das Produkt wurde auch für die bestehenden Käufer:innen wieder attraktiv. Praktisch die ganze Wirtschaft bediente sich dieses Tricks und weckte so alljährlich neue Bedürfnisse. Das war Teil dessen, was wir Fortschritt nannten. Er drängte uns, alles mögliche zu erfinden und zu entwickeln, ohne dass sich jemals jemand (im vornherein) Gedanken darüber machte, ob das, was da erschaffen wurde, sinnvoll und in seinem gesamten Lebenszyklus auch ökologisch nachhaltig war.

Der Kauf von Dingen hatte deshalb eine enorme Bedeutung und wurde als Konsum bezeichnet. Konsum bezog sich nicht nur auf Nahrungsmittel, welche täglich verzehrt, sondern auch auf Geräte, welche einmal, und gewünscht für ein Leben lang, gekauft wurden. Regelmässige Messung bestimmten die „Konsumlaune“: Sinkende Laune bekämpfte man durch die Stärkung der „Kaufkraft“, also durch die Erhöhung der Löhne. Es war dabei völlig unerheblich, ob durch diesen Konsum der vierte Fernseher, das 20. Paar Schuhe oder der dritte „Zweitwagen“ erstanden wurde. Alles war höchst erwünscht, solange es das Wirtschaftswachstum, gemessen als Bruttosozialprodukt, förderte. Dass unter solchen Bedingungen kaum eine Firma Interesse hatte, wirklich langlebige Produkte herzustellen, erstaunt nicht weiter: Wer will sich schon selber schaden, indem er ein Produkt entwickelt, welches – weil so gut und unverwüstlich – nicht mehr verkauft werden kann, da irgendwann alle eines haben und keiner mehr ein neues braucht?

Vom Arbeitsdilemma zur gemeinsamen Vision

J: Wow, du bist ja jetzt richtig in Fahrt gekommen! Ist schon unglaublich, was damals einfach so hingenommen, als Normal bezeichnet und tagein, tagaus praktiziert wurde.

A: Ach, eigentlich mag ich gar nicht mehr darüber reden. Es war so absurd und schizophren. Auf der einen Seite musste der Konsum erhöht und auf der anderen Seite die Konsequenzen daraus, wie Foodwaste, Littering und Elektroschrott nachträglich mühsam in den Griff bekommen werden. Um die schwindenden Ressourcen möglichst günstig zu beschaffen nahmen grosse Teile der Politik und Wirtschaft den Raubbau an Mensch und Natur in Kauf. Gleichzeitig versuchten Unternehmen das Ganze über einen Ablasshandel mit Klimazertifikaten auch noch als „nachhaltig“ zu verkaufen. Was natürlich nie und nimmer aufging. 

Tagtäglich wurdest Du mit widersinnigem Verhalten konfrontiert, welches weder den Menschen noch der Erde diente, sondern einzig allein dem Erhalt der Arbeit oder eines Wirtschaftszweiges. Alaska beispielsweise war eine von der Klimakrise am stärksten betroffene Region. Der auftauende Permafrost verursacht dort enorme Schäden an Infrastruktur und Häusern durch das Absinken der Böden. Trotzdem kämpfte damals sogar die indigene Bevölkerung für den Ausbau der Erdölförderung. Und wieso? Weil die enormen Gewinne aus dem Ölgeschäft auch ihnen zugute kamen. So gab es beispielsweise keine Einkommenssteuern mehr. Ausschlaggebend war aber vor allem, dass die Ureinwohner durch Förderzinsen eine Menge Geld verdienten. Sie besassen die Bodenrechte und durften die Ölfirmen besteuern (Quelle: Der Spiegel 32/2023). Das Geld rettete ihren Lebensraum nicht, im Gegenteil. Es ist ein “schönes” Beispiel wie Arbeit und Einkommen damals unser Verhalten diktierte und die Umwelt zerstörte.

J: Krass! Da lob’ ich mir in einer Zeit aufgewachsen zu sein, wo Arbeit ein Fremdwort und sinnvolles Tun und sorgende behutsame Entwicklung die Regel ist.

A: Unbedingt. Es ist euer Privileg ohne Leistungsdruck und endlose Diskussionen zu Absatz- und Stellenmärkten, Börsenkursen und Inflation, Lohnkonkurrenz und Arbeitszeiten, einfach das tun zu können, was für die Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft jetzt wichtig und notwendig und für die Zukunft und Mitwelt sinnvoll ist!

J: Aber Irgendwann musst du mir dann schon noch im Detail erklären, wie ihr dieses Arbeits-Dilemma auflösen konntet. Immerhin bildete dieser Umbau ja die Basis unserer jetzigen Ökonomie und es war ja schon sehr revolutionär, auch wenn die Menschheit ja gezwungen war neue Lösungen zu finden.

A: Das mache ich gerne. Nur so viel schon jetzt: Ein wichtiger Faktor war, dass die Menschen überhaupt wieder den Mut fanden von einer anderen, besseren Welt zu träumen. Auch mussten sie lernen, gemeinsam Visionen zu entwickeln und umzusetzen. Das sich für uns Menschen zunehmend verschlechternde Klima war dabei sicher entscheidend: Ein so schonungslos agierender Aktivist konnte irgendwann einfach nicht mehr ignoriert werden.

Werner Schuller

Werner Schuller

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