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Spenden – Pflästerli auf offene Wunden

Wir kennen sie alle, die vielen Bittbriefe um Spenden, welche in unseren Briefkästen landen:

  • Mit 50 Franken versorgen Sie eine Familie für einen Monat mit Lebensmitteln (IKRK).
  • Mit einem Beitrag vom 80 Franken ermöglichen Sie die Anschaffung einer Brille für 40 sehbehinderte Personen (FairMed).
  • Ich helfe hungerleidenden Kleinkindern und rette Leben mit 78 Franken für 234 Packungen Spezialnahrung (UNICEF).
  • CHF 25.- können ein erster Schritt sein, um einem Kind das Augenlicht wiederzugeben (Merci Ships).

Es scheint mir, dass wir in den letzten Jahren mit immer mehr Anfragen überhäuft werden. Und so spenden wir für das eine oder andere und versuchen etwas zu helfen und dabei auch unser Gewissen zu beruhigen, wohl wissend, dass wir ein privilegiertes Leben führen.

Das Leid in der Welt ist gross und scheint immer grösser zu werden. Die Helfenden rüsten auf, aber benötigen für ihre Arbeit unsere Hilfe – unser Geld. So wurden 2022 allein in der Schweiz 2.5 Milliarden Franken von privaten Haushalten gespendet! Der Trend ist seit Jahren steigend.

Not lindern: Eine Sisyphos-Arbeit

Die Welthunger-Hilfe schreibt: „Der Welthunger-Index 2023 zeigt eine dramatische Entwicklung auf: In einer Zeit vielgestaltiger Krisen ist die Entwicklung hin zu einer Welt ohne Hunger praktisch zum Stillstand gekommen. In vielen Ländern gibt es kaum noch Fortschritte, in einigen Ländern steigt der Hunger sogar wieder an.“ 

Sie sind uns sehr präsent, diese Bilder unterernährter, kranker oder missgebildeter, meist schwarzer Kinder und Erwachsener. Trotz aller Anstrengungen, institutioneller, staatlicher und privater Hilfe haben wir es auch nach Jahrzehnten nicht geschafft, das Problem in den Griff zu bekommen.

Die deutsche Zukunftsstiftung Landwirtschaft hält auf ihrer Weltagrarbericht-Webseite fest: “Fast jeder zehnte Mensch auf der Welt hungert. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO hatten 2022 bis zu 783 Millionen Menschen regelmässig nicht genug zu essen”.

Trotz täglichen Kampf gegen Not und Leid, Armut und Hunger, Krankheit und Tod und unermüdlichem Einsätzen, unter teils widrigsten Bedingungen und überall auf der Welt, reicht alles Engagement der Hilfsorganisationen nicht. Wir haben es hier mit einer veritablen, nie endenden Sisyphos-Arbeit zu tun.

Warum eigentlich?

Schauen wir uns zuerst einmal die Bittbriefe genauer an. Sie sagen nämlich sehr viel über uns und unser Gesellschafts- bzw. Wirtschaftssystem aus.

Bei keiner dieser Bitten werden wir direkt um Lebensmittel oder um das Senden von Brillen, und Medikamenten gebeten. Wir werden auch nicht aufgefordert, als Ärzte oder Mitarbeitende vor Ort anzupacken.

Im Weltagrarbericht steht betreffend Lebensmitteln „… die Landwirte [fahren] heute nicht nur in absoluten Zahlen die grösste Ernte aller Zeiten ein, sondern auch pro Kopf der wachsenden Weltbevölkerung. Vollständig und so effektiv wie möglich als Lebensmittel eingesetzt, könnte diese Ernte 12-14 Milliarden Menschen ernähren.“ (Quelle: Weltagrarbericht-Webseite)

An zuwenig Nahrung kann es also nicht liegen, wir produzieren viel zu viel! (Zur Erinnerung: Auf der Erde leben zurzeit etwas über acht Milliarden Menschen.) Und wahrscheinlich könnte unsere Weltwirtschaft auch genügend Brillen produzieren oder Gesundheitspersonal ausbilden, um die weltweite Not zu lindern.

Da komme ich schon ins Grübeln und frage mich: Hey, da schon alles Notwendige vorhanden ist oder hergestellt werden kann, warum helfen wir denn nicht einfach und geben den so unglaublich leidenden Menschen all das, was sie benötigen?

Sind wir denn als Gesellschaft nicht willens, diese Leute zu versorgen und ihnen die erforderliche Hilfe zu leisten? Wie konnte es überhaupt zu einem solch gigantischen Problem kommen? Wer oder was klemmt hier, stellt sich quer und schürt das Leid immer weiter?

Das Nadelör ist eine Zahl

Wir haben den entscheidenden Faktor bei unserer Betrachtung noch nicht berücksichtigt, das Wichtigste, worum es bei den Bittbriefen ja nun mal geht, ja genau: Das Geld. Die eigentlich reichlich vorhandenen Lebensmittel und benötigten Güter gelangen wegen des (fehlenden) Geldes nicht zu den Bedürftigen. Das heisst aber auch, dass das Leid in unserer Welt zu lindern eine (reine) Frage des Geldes ist! Oder anders gesagt: Wir könnten einfach die benötigten Nahrungsmittel und die Medikamente verteilen, den sehbehinderten Menschen die (hergestellten) Brillen aufsetzen und die vielen Operationen durchführen, damit die Erblindeten wieder sehen können – wäre Geld nicht im Spiel! Denn auch an hilfsbereiten Menschen fehlte es nicht.

Könnte es wirklich so einfach sein? Leben wir wirklich in einer so grausamen Welt, wo enormes Leid vor unser aller Auge geschieht, obwohl von den Ressourcen und Anforderungen her, eigentlich gar kein Problem darin bestünde, für Linderung zu sorgen? Ist unser Wirtschaftssystem, welches doch für unseren hochgelobten Wohlstand steht, nicht fähig, dafür zu sorgen, dass diese Schande aus der Welt geschafft wird?

Sind es damit nicht wir als Gesellschaft, welche unsere angeborene Hilfsbereitschaft systemisch sabotieren, welche im Westen doch als christliche Nächstenliebe so hochgehalten wird? Sind es also nur unsere geldbasierten Spielregeln, die den ungehinderten Zugriff auf die lebensnotwendigen Dinge, trotz offensichtlicher Not und unermesslichem Leid, verhindern? Spielregeln, die die in genügendem Masse vorhandenen Sachen künstlich verknappen und sie nur jenen vorbehalten, welche die geforderte Menge farbig bedrucktes Papier (Geldscheine) oder kleine metallischer Scheiben (Münzen) oder Zahlen auf einem Konto vorweisen können?

Können wir wirklich nichts Grosses und Grossartiges mehr leisten, ohne dass dafür bezahlt werden muss?

Das Preisschild für den Hunger

Und die Antwort? Natürlich ist es so! Hunger und Not, ist wie alles in unserer Welt eine Frage des Geldes! Und der Hunger hat sogar ein konkretes Preisschild: 26 Milliarden Dollar pro Jahr. So viel Geld würde es kosten, um den Hunger in der Welt bis 2030 weitgehend zu beenden!

Die Weltgemeinschaft ist mit den bisherigen Denkstrukturen und Handlungsoptionen nicht fähig, diesen Schandfleck aus der Welt zu schaffen, denn Geld ist im Gegensatz zu Nahrungsmitteln absurderweise ständig knapp. Die Folge: Das Problem wird an jeden Einzelnen und dessen Hilfsbereitschaft delegiert. Mit Spendenbriefen werden wir persönlich zu Mitschuldigen dieses ungeheuerlichen Systems: Wenn wir Geld spenden, dann öffnen sich die Tore und die Güter fliessen und Leidenden wird geholfen. Tun wir es nicht oder nicht im geforderten Mass, dann bleiben die Tore geschlossen und Kinder müssen weiter hungern und Erblindete weiter im Dunkelheit leben.

Sind wir mitverantwortlich?

Jeder und jede von uns wird so auch zum Richter über Leben und Tod, Gesundheit oder Krankheit, Sehfähigkeit oder Blindheit von unbekannten Menschen. Wir werden via Spendenaufrufe angehalten zu überlegen, wie viel uns die Mitmenschen in Afrika, die vernachlässigten Hunde in Ungarn oder eine unberührte Landschaft im Graubünden wert sind.

Wir müssen entscheiden, wie viel wir von unserem Wohlstand abzweigen wollen, damit den notleidenden Menschen, den gejagten und geschundenen Tieren in den zugemüllten Meeren oder bei irgendeinem anderen „Brandherd“ irgendwo auf der Welt, vielleicht doch noch beim “Löschen” geholfen werden kann.

Wir versuchen dem allem gerecht zu werden – obwohl es uns eigentlich völlig überfordert. Und wir stumpfen mit jedem Bittbrief über das Elend in dieser Welt, mehr und mehr ab.

Wohin mit dem stets knappen Geld?

In den politischen Haushalts-Debatten spiegelt sich diese ganze Problematik ebenfalls wieder: Wie viel Entwicklungs- und Nothilfe können wir uns noch leisten, wenn sich die Prioritäten ändern und z.B. die Ukraine-Hilfe, Militär- und AHV-Ausgaben wichtiger werden. Wie viel Umweltschutz und Biodiversität ist finanziell noch tragbar, wenn die „Marktperformance“ und globale Wettbewerbsfähigkeit der Bauern maximiert werden muss? 

Es sind auch hier die gleichen Fragen, welche gestellt werden müssen: Wie verteilen wir unsere Steuern (unser Geld) und wer soll wie viel dabei profitieren? Wir probieren haushälterisch zu sein und die Schuldenbremse einzuhalten und dabei das Unmögliche möglich zu machen. Aber es reicht selbstverständlich nie, all das zu realisieren, was wirklich notwendig und wichtig ist.

Nicht die fehlenden Ressourcen oder der Mensch mit seiner Motivation und seinen Fähigkeiten sind der limitierende Faktor, sondern das Geld, welches unser Tun immer und immer wieder sinn-, vernunftlos und menschenverachtend in die Schranken weist.

Ist das Elend also unumgänglich?

(Bildquelle: HELVETAS)

In einer von wirtschaftlichen Zwängen gelähmten Welt ist es absolut notwendig, dass eine Heerschar von Hilfsorganisationen versuchen, sich diesem Leid und den grossen Problemen der Menschheit anzunehmen.

Aber: Wir könnten all dem Elend auch ein Ende setzen, wenn Geld nicht eine unsichtbare Wand um all diese bedürftigen Menschen, Tiere und Orte ziehen würde. Für unser Tun, für unsere Hilfeleistungen öffnen sich die Türen erst, wenn die „Essenz unseres marktwirtschaftlichen Lebens“ – nämlich das geforderte Geld – als Obulus bezahlt wird. Denn gratis gibt’s auch Hilfe nicht. In unserer Welt hat alles einen Preis. Und ein gutes Leben, dass kann sich eben nicht jeder leisten. 

So ist Hunger im Überfluss nur eines von vielen Paradoxon unserer ver-rückten Zeit, welche wir gelernt haben, als “normal” zu akzeptieren.

Was, wenn es ohne ginge?

Deshalb drängt sich mir auch immer stärker die Frage auf: Wie viel könnte jeder von uns und damit auch der Staat tun, wenn Geld nicht der begrenzende Faktor für alles wäre? Was wäre in unserer Vergangenheit alles entstanden, wenn fehlendes Geld nicht all das wirklich Wichtige und Erstrebenswerte verhindert hätte? Was, wenn wir uns nicht mit dem Bezahlbaren, aber meist Unzureichenden oder sogar Falschen zufrieden gegeben hätten? Oder, wo ständen wir heute, wenn die einzigen Grenzen für unser Tun, unsere Motivation, unser Wille, unsere Fähigkeiten und die Sorge um uns und unseren Planeten wären?

Können wir es uns – angesichts der immer grösseren Probleme in der Welt und den immer dramatischer werdenden Krisen und (Umwelt-) Katastrophen – überhaupt noch leisten, Geld als beschränkenden Faktor für unser Tun und die zu verwendenden Lösungen zu akzeptieren?

Der Umkehrschluss aus all diesen Überlegungen und Feststellungen lautet deshalb für mich auch: Wir können Hunger und Leid und die sich manifestierende Klimakrise nur dann bewältigen, wenn wir uns von der alles beherrschenden und chronisch blockierenden Logik des Geldes befreien und Schritt für Schritt aus unserer Welt verbannen.

Spenden können viele kleine Wunden heilen. Die Welt retten können wir aber erst, wenn wir uns von diesen, notabene selbst angelegten Fesseln befreien.

Werner Schuller

Werner Schuller

2 Antworten

  1. Das Geld ist ja nicht das Problem, sondern dessen Verteilung: für welche Leistung gibt es Geld und wie wird es an die verteilt, die an der Leistung beteiligt sind? Für welche Leistung gibt es kein Geld? Fürs Produzieren von Waren und Erbringen von Dienstleistungen gibt es teilweise viel Geld, für einige Wenige soviel, um es massenhaft anzuhäufen. Fürs Gebären von Kindern gibt es kein Geld und sie aufzuziehen kostet nur viel Geld. Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag, wie die der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stehenden Güter und wie die gesamtgesellschaftliche erarbeiteten Werte verteilt werden sollen. Jedenfalls nicht mehr nur nach dem Wettbewerbs-und Leistungsprinzip, sondern auch nach dem Bedarfsprinzip und dem Würde-Prinzip. Wenn alle Spenderinnen und Spender am Bau eines neuen System des Wirtschaftens mitgestalten, wäre das vielleicht der Beginn einer Lösung der unhaltbaren Zustände.

    1. Hallo Theo, vielen Dank für deinen anregenden Kommentar.
      Ich glaube auch, dass es einen neuen Gesellschaftsvertrag braucht und dass wir uns stärker nach Bedarf und Würde statt nach Geldwerten organisieren sollten. Wenn uns das mit Geld gelingt, dann wäre ich sehr happy. Aber ich befürchte, dass die Logik des Geldes eine ganz andere ist, unserem gemeinsamen Anliegen widerspricht und dass sie, die Geld-Logik, so mächtig ist, dass sie andere Teilsysteme korrumpieren kann. Da denke ich an den Lobbyismus, der gute Lösungen verhindert, weil weniger Profite drin liegen. Oder ich denke an all die Menschen, die eigentlich gerne sinnvolle Dinge tun würden, dies aber nicht können, weil man damit kein Geld verdienen kann.
      Da frage ich mich schon, ob wir Geld nicht komplett hinterfragen müssen. Vielleicht könnte die Organisation unserer Gesellschaft und Wirtschaft ohne Geld sogar einfacher sein als mit? Schwierig, das zu denken, wenn man so aufgewachsen ist, wie wir… 😉
      Was denkst du denn übers Grundeinkommen? Vielleicht könnte das ja zumindest einige Probleme lindern…
      Bin gespannt auf deine Gedanken.
      Liebe Grüsse, Raffael

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