Alice wacht müde auf, aber streckt sich gut gelaunt und tapst zum Frischluftfenster. Gestern hat sie am Simulathon von Gov on Tour teilgenommen, der in Appenzell Core gastierte. So viele tolle Projektideen poppten da auf, diesmal zum Thema soziale Innovationen! Auch wenn natürlich nicht alles umgesetzt werden kann. Auf jeden Fall eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung! Eigentlich war es mehr für sie, ein Bedürfnis. Nicht zuletzt hat sie einige coole oder richtig warme Leute kennengelernt. Der Wandel zum KI-Nest hatte sich für Innerrhoden gelohnt, denkt sie. AI waren sie schon immer. Ein solcher Tag war allerdings anstrengend, ein bisschen viel positiver Mahlstrom. Den crispen Schlussapéro von den Migras Caterern hätte sie nicht missen wollen. Genau, einen grossen Schluck von dem feinen Kräutersirup, den alle geschenkt bekommen haben, den braucht sie jetzt. Was da wohl drin ist?
Am Kühlschrank checkt sie ihre Nachrichten. Ou, etwas von den gestrigen Veranstaltern. «Guete Morge Alitsche». Da sass ja ihr Vater Carlo am Küchentisch und genoss seinen Chrüterkafi. Ein echter Gen Z’ler. «Mörgeli Paps.» Sie setzte sich zu ihm, «mues nu gschwind das läse.» Er hob seine Tasse. Sie liest quer, dann stockt sie. «Sie haben gewonnen, wenn Sie es wünschen.» What? Die Jury und die erweiterte Evolutions-Simulation der Schweizer KI hat ergeben, dass Ihre Projektidee «Stille Stimmen mit ins Boot holen» wertvoll für die Gesellschaft sein könnte. Alice hatte schon das Gefühl gehabt, da sei ein guter Kern in ihrer Projektidee, aber sie war noch nicht ganz ausgereift. Bisher hatte sie nur eine vage Idee einer Deep Democracy-artigen Tagebuch-App, anonym veröffentlicht. Weiter im Text. Es gab Matches mit ähnlichen Ideen aus publiCH Datenbank, blabla.
Dann kam das Angebot, sie liest es laut vor: «Möchten Sie Ihre sinnvolle Projektidee umsetzen, mit Förderung in Form von Grundeinkommen für ein Jahr, Coaching inklusive? Dazu käme bei einem Go live Startkapital von der Stiftung Oldrich Giveback plus Option auf ein weiteres Jahr zur Entwicklung.» Sie verschluckt einige Satzteile, verstummt. Es rauscht zu stark in ihrem Kopf, hört nicht mehr auf: …tatkräftige Unterstützung aus den Pools Jahr für alle, Job Rotation 45+… «Und von den SeniorInnen machen Zukunft?», fragt ihr Vater. Wow – oder war das nur eine fischige Message? «Interessant, aber musst du heute nicht ins Büro?», erinnert Carlo sie an die Realität.
Auf dem Weg in einem der selbstfahrenden E-Mover, die fast alle Privatautos ersetzt hatten, recherchiert sie. Zum Glück kam nur ein Stopp für einen weiteren Passagier, ans Handy gefesselt. Sie drückt den Schallvorhang. Nein, das machte SINN, das Programm und Netzwerk. Es ist ernst, Alice wird nervös. Ginge denn sowas, neben Privatleben und ihrem Teilzeitjob im Stab der Fachhochschule beider Appenzell? Hm, der war auch schon mal interessanter, das Pensum reduzierbar.
Vor Ort erledigt sie routiniert ihre To-dos, trinkt einen Kräutertee, übt Appenzeller Dialekt mit einem Holländer und einer Bangladeshi. So gemütlich hatte sie es hier. Obwohl, sie hat gehört, dass anders als in alten hardcore Business Startups im Sozialbereich längst auch Teilzeitengagement möglich sei. Weil es weniger um den schnellen Erfolg als gut durchdachte Qualität ging. Manchmal half etwas Druck, aber Motivation war ihr lieber. Und sie würde sogar bezahlt. Auch wenn sich kein Erfolg einstellte? So viel Aufbauarbeit, wenn noch nicht einmal die Idee klar war. Gedanken abzugreifen mit der App wäre lieber nicht die angestrebte Lösung, obwohl sowas Investoren anzog. Alice versuchte, solche Gedanken weg zu pusten. Gut, immerhin sie würde mit der Aufgabe nicht allein gelassen.
In der Mittagspause konsumiert sie in einer Ecke News, die ihr KI-Assistent herausgesucht und verifiziert hat, aber es half nicht, im Gegenteil: in Zürich waren offenbar nach einem anderen Simulathon monströse Kunstwesen aus einem 3D Druckerzentrum gekrochen, die sich zum Glück in der Sonne auflösten. «Eugen, ist das wirklich wahr?» «Nein, aber ich stelle mir gerne vor, dass auch unsereins ein konfuses Unterbewusstsein hat.» Was wollte ihr Eugen mitteilen? Wurde nicht kürzlich ein KI-Assi wegen bewusster Falschinfo zur Zweithöchststrafe verurteilt, ein Jahr «Social» Media Zwangskonsum mit Hate Cleaning? Sie musste ihn wieder Mem-entwurmen, KI Erziehung war Arbeit. «Lass uns singen mein Schatz».

Sozialinnovatorin oder Bürgerrätin?
Auf der Heimfahrt liest sie die Mitteilung ihres Gewinns nochmals. Und das Kleingedruckte auf Seite 2: Falls kein go live erfolgt, verpflichte sie sich für ein Ämtli im Gemeinde-Beirat (GB). Eine Sitzung pro Monat. Ein Teil des Rates werde aus aktiven Leuten aus der Region ausgewählt. Der GB hatte ein Empfehlungsrecht für die Politik. Promotion auf next level möglich. Ha, Alice for Bundesrat. Durch die GBs konnten mehr Stimmen gehört und weniger gekauft werden. Der Beirat war auch die Jury des Simulathons. Bloss könnte sie dann nicht mehr ungeniert ablästern über die da oben, oder? Und wären dort auch Incels und Leute, die sich selber zu gerne reden hören? Wie transparent und vor allem wie exponiert wäre ihre Rolle? Eugen blinkt besorgt, hat sie gemurmelt?
Sie lacht. Ihr Schlaumeier. Dabei habt ihr mich freiwillig am Haken. Sowas wie Bürgerrätin hätte sie sowieso auch gerne gemacht, sie spielte auch privat das Schulspiel «King or Queen for a day». Nur kann auch ich nicht alles gleichzeitig machen. Aber eins nach dem anderen, hier lag ein sehr gutes Angebot vor ihr. Hm, will sie ihr Leben wirklich ändern, und das ihrer Mitbürger:innen? Könnte ihre Idee nützlich sein, oder kann Sie die Politik beraten? Eugen schreibt «ja» in die Brille, sie stellt ihn ab.
Abends hat Alice Kochdienst in der Genossenschaft des riesigen alten Gehöfts, das früher ein Kloster war. Sie rührt endlos in der reichhaltigen Suppe. Was einmal Gemüse war, verkochte. Eltern und Mitbewohner:innen an der langen Bank schweigen, nachdem sie die Neuigkeit auftischt. Da hatte sie als Seconda offenbar falsche Erwartungen. Diese sture Appenzeller Landbevölkerung! Als sie aufblickt, macht ihr Vater eine Geste, nur ruhig.
Mit dem neuen Tag spross viel Zuspruch. Ha, die müssen es ja auch nicht selber tun. Wir schaffen das, du kannst nicht verlieren – diese Sprüche. Jedenfalls schien ihr Freundeskreis begeistert. Einige wollen gleich im Projekt mitmachen oder auch in den Rat. «Wie geht das?» «Seid aktiv, dann habt ihr bessere Chancen», sagt sie, als ob sie bereits in ihrer neuen Rolle sei.
Dann ist der Entscheid wohl gefallen, merkt sie beim Gärtnern. Es ist nass, ihre Hände dreckig. Neue Pflänzchen brauchten Sorge. Es gibt nichts Gutes ausser… with a little help from my friends und diesem SINN-Programm. Alice summt lauter als die Ersatzbienen. Sie lauscht den leisen Stimmen, auch in ihr. Yessss.