Fiktiver Auszug aus einem hybriden Flugblatt der Gesellschaft für digitale Demokratie und Autonomie Schweiz (2049)
In den letzten zwanzig Jahren hat die Schweiz grosse Fortschritte in Sachen digitaler Demokratie und Autonomie gemacht. Wir konnten uns erfolgreich gegen BigTech wehren und unsere Daten, Medien und demokratischen Prozesse vor ihren Manipulationen schützen. Mehr noch: Ohne den Umstieg zu einer demokratischen digitalen Infrastruktur hätte die Schweiz die hybriden Angriffe autoritärer Kräfte in den 2020ern nicht so gut überstanden.
Doch seit Kurzem wissen wir, dass diese Errungenschaften erneut in Gefahr sind. Die Grosskonzerne Maple, CloseAI, Amazet und Microdia sind von Internetriesen zu Energiekonzernen geworden. Ihre aggressive KI-Wachstumsstrategie und der damit verbundene Energiehunger führt dazu, dass sie nun die grossen Energieversorgungsunternehmen (EVUs) der Welt aufkaufen wollen. Im Vorjahr wurde dank investigativem Journalismus von FediJournal bekannt, dass auch die Schweizer EVUs in Übernahmeverhandlungen mit Microdia sind. Alle Schweizer EVUs sollen zu einem grossen Energiekonzern zusammengefasst werden, der von Microdia kontrolliert wird. Dadurch würde ein Monopol entstehen und die ganze Bevölkerung der Schweiz wäre auf einen Schlag den Interessen eines globalen Konzerns ausgeliefert.
Digitale Autonomie erfordert Energieautonomie
Wir haben Grund zur Annahme, dass Microdia unsere digitale Infrastruktur schwächen wird, damit sich die Schweizer Bevölkerung wieder vermehrt den kommerziellen Angeboten von BigTech widmet. In anderen Ländern geschah dies bereits, als durch unfaire Mittel bestehende Angebote und geltendes Recht untergraben wurde. Das gilt es in der Schweiz zu verhindern. Wir möchten unsere Strom- und Wärmeversorgung sowie dessen Finanzierung nicht einem Grosskonzern überlassen, der nicht unsere demokratischen Interessen vertritt. Insbesondere die Schweizer Rechenzentren, die ihre Abwärme an Wärmeverbünde diverser EVUs verkaufen, sehen sich durch die Kaufangebote von Microdia bedroht. Deshalb kämpfen wir erneut für unsere Autonomie, so wie wir es bereits einmal getan haben.
Mit direkter Demokratie zur Autonomie
Digitale Autonomie erfordert Energieautonomie. Daher haben wir im letzten Jahr daran gearbeitet, dieselben Strategien zu verfolgen, die uns einst im Softwarebereich weitgehend unabhängig von BigTech gemacht haben: Wir wenden Instrumente der direkten Demokratie an und bauen autonome Strukturen auf.
Direktdemokratische Methoden sind der Schlüssel, damit sich eine breit abgestützte Bewegung der Energieautonomie entfalten kann: Seit vielen Jahren kann jede Gemeinde und jeder Verein die Meinungen der Bevölkerung oder der Mitglieder abholen. Die konsensorientierten Algorithmen zeigen auf, wo die grösste Einigkeit besteht. Wo Lösungen schwieriger zu finden sind, werden reale und digitale Räume zur Abwägung von Massnahmen geschaffen. Diese Räume werden durch KI und durch menschliche Moderation vor Ausfälligkeiten geschützt und tragen zum konstruktiven, demokratischen Dialog bei. Die Nutzung dieser Methoden machte Phase 1 der Antwort auf Microdias Kaufverhandlungen aus: Im letzten Jahr wurden in fast allen Kantonen mehrere Meinungsumfragen, Abstimmungen, Bürger:innenräte und Panels durchgeführt, um die Situation mit Microdia zu beraten. Ergebnis: Eine potenzielle Abhängigkeit von Microdia wurde zu über 90% abgelehnt und eine Vielzahl von Menschen konnten ihre Lösungsvorschläge direkt einbringen und weiterentwickeln.
Für mehr Unabhängigkeit und Swissness
Ein Ergebnis der kollektiven Beratungen war die Entwicklung einer Strategie, wie wir die Abhängigkeit von Akteuren, die keine Schweizer Werte vertreten, möglichst reduzieren können. Unser Verband hat über die letzten Jahrzehnte hinweg gute Erfahrungen damit gemacht, unsere digitale Infrastruktur – also die Datenzentren, die Software, das Personal, diverse Netzwerke – schrittweise in die Schweiz und zu vertrauensvollen Partnern zu verlagern. Auch wenn die Schweiz seit dem Importstopp fossiler Energieträger in puncto Energie bereits weitgehend selbstversorgend ist, taten sich einige Handlungsfelder auf.
Dezentralisierung und Open Source im Aufwind
Wir setzen erneut auf die Prinzipien Dezentralisierung sowie Open Source und bauen auf unserem Erfahrungsschatz auf: Wo einst BigTech darüber bestimmte, was wir zu sehen bekamen und wohin unsere Daten verkauft wurden, existieren nun soziale Plattformen, welche durch die Nutzer:innen geführt werden. Die Regeln werden von ihnen statt von den Grosskonzernen festgelegt und die digitalen Räume verteilt auf eigenen Servern betrieben. Dank Open Source Software ist man nicht von einzelnen Anbietern abhängig und kann durch die Verwendung von Open Source Hardware sogar die digitale Infrastruktur selber weiterentwickeln und eigene Kompetenzen ausbauen. Genau das wünschen wir uns auch für die Energieinfrastruktur.
Highlights der neuen Energiebewegung
Um Microdia zu trotzen, arbeiten wir mit Partnern an verschiedenen Initiativen, die sich aus den demokratischen Abstimmungen der ersten Phase ergeben haben. Alleine im letzten Jahr haben sich schon über 30 unabhängige Energiekooperativen gebildet. In manchen Kantonen haben Genossenschaften den regionalen EVUs einzelne Energie-Anlagen abgekauft. Wo keine einvernehmliche Lösung gefunden wurde, führten koordinierte Vertragskündigungen zum Bankrott von einzelnen EVUs – diese sind nun im Begriff zur Begleichung ihrer Schulden wesentliche Infrastruktur an die neu entstandenen Energiekooperativen zu verkaufen. Aufgrund dieser Entwicklungen haben sich andere EVUs dazu entschieden, sich zu vergemeinschaften und ihre Anteile an die Mitarbeitenden zu vergeben. Ein weiterer Lichtblick sind die über 100’000 Menschen, welche an den Solarcamps teilgenommen haben, um zu lernen, wie sie selbst Solaranlagen drucken, installieren und reparieren können. Die neuesten Open Source 3D-Drucker produzieren langlebige und leistungsstarke Solarzellen, die durchsichtig sind und auf jede Hauswand und jedes Fenster geklebt werden können. Diese verbreiten sich in rasender Geschwindigkeit und werden laut unseren Prognosen innert 3 Jahren einen wesentlichen Teil unseres Energiebedarfs decken können. Ähnliche Camps für Wind- und andere Energielösungen sind in Planung. Im letzten Jahr haben wir und unsere Partner acht Hackathons durchgeführt und so diverse Lösungen gefunden, wie wir unseren Energieverbrauch weiter reduzieren und Reparatur sowie Recycling von Hardware verbessern können – selbst von Computerchips.
Aller Anfang ist klein
Es mag nach einem bescheidenen Anfang für die Energiesouveränität aussehen, doch auch die digitale Souveränität hatte einen bescheidenen Anfang: Vor rund 20 Jahren waren einzelne Verwaltungen und Unternehmen die ersten, welche auf Schweizer Datenzentren und Schweizer Cloud-Lösungen setzten. Kurz darauf folgten Schulen, die auf alternative soziale Medien umstiegen. Open Source, Schweizer Informationsmanagementsysteme und einheimische Sprach-KIs wurden schliesslich für alle zum Standard. Werbung, Datentracking und Algorithmen, die das Ziel hatten, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange einzufangen, wurden aus der neuen digitalen Infrastruktur verbannt. Demokratische Grundwerte und Prozesse wurden zum zentralen Gestaltungsprinzip unserer öffentlichen, digitalen Welt.
Ausblick
Diese Erfolgsgeschichte wünschen wir uns auch im Energiebereich. Durch eine Vielzahl von dezentralen, energiesouveränen Strukturen machen wir das Aufkaufen der Schweizer Energieinfrastruktur für Microdia komplexer und damit weniger lukrativ. Wir sind auf Gegenmassnahmen und Beschwichtigungen von BigTech vorbereitet und profitieren davon, dass ihre irreführende Werbung nur begrenzt in unsere Informationsnetzwerke eindringen kann. Dennoch ist der Erfolg dieser Bestrebungen noch nicht gesichert und es wird weiterhin auf die Mitwirkung aller gesetzt. Auch im Ausland verfolgt man gebannt unseren Fortschritt. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass die Schweiz auch hier mit gutem Beispiel vorangeht!
Anmerkung: Dieser fiktive Auszug eines Berichts (speculative non-fiction) verweist auf Konzepte und Projekte, die es in Teilen bereits gibt. Wer mehr darüber erfahren möchte, sucht nach den Stichworten Fediverse, Mastodon, digitale Bürgerräte, Open Source, Decidim, Pol.is, Deliberation, Apertus, Linux, LibreOffice, OpenDesk, Solarcamp, CivicTech und Hackathons. Die Inhalte dieses fiktiven Berichts passen zum Zukunftsszenario «Networked Entrepreneurial Living», welches in einem früheren Blogpost vorgestellt wurde.
Ein Kommentar
Wäre schön, würde die CH ohne Bigtech gleich jetzt schon von Facebook und co ins Fedivers umziehen. Danke.
https://digitalcourage.de/suche?keys=facebook